Geschichte

Im Sommer 1903 gründete Karl Maier mit 12 weiteren Männern aus Pfullingen eine Musikkapelle. Der weithin bekannte Pfullinger Fabrikant und Mäzen Louis Laiblin spendete einen namhaften Betrag, und der damalige Schloßwirt Ludwig Ebner gab eine Art Kredit für die Anschaffung von Instrumenten. Außerdem stellte er seine Gastwirtschaft für die Proben zur Verfügung.

Mit Wirkung vom 14. September 1907 wurde der Musikkapelle auf den Beschluss des Gemeinderates der Titel ‚Stadtkapelle‘ verliehen. Im selben Jahr konnten auch erstmals eigene Uniformen angeschafft werden. Im Laufe des Jahres 1914 wurden wie bei den meisten Vereinen die musikalischen Tätigkeiten wegen des ersten Weltkireges eingestellt.

Am 23. Februar 1921 wurde der Musikverein als e.V. gegründet. Erster Vorstand wurde Fritz Fischer. Der erste Dirigent nach der Vereinsgründung war Ludwig Hohloch vom Musikverein Reutlingen. Musikalisch ging es in der nachfolgenden Zeit bergauf, bereits 1922 konnte an einem Wertungsspiel teilgenommen werden. Karl Möck übernahm das Amt von Fritz Fischer, das er bis 1937 wahrnahm.

Das Jahr 1929 stellt einen Höhepunkt in der Vereinsgeschichte dar. Die Stadtkapelle richtete das siebte Kreismusikfest des Lichtensteingaus aus. Drei Tage wurde auf der Karlshöhe gefeiert. Neben einem Heimatabend mit Fahnenweihe wurde ein Wertungsspiel mit 17 teilnehmenden Kapellen und ein Festzug durchgeführt. Die Stadtkapelle hatte sich bis Ende der 20er Jahre in der Reihe der Oberstufenkapellen etabliert und errang bei Wertungsspielen mehrfach erste Preise.

Wie in allen Bereichen des öffentlichen Lebens wuchs auch bei der Stadtkapelle der Einfluss der Nationalsozialisten. In den Jahren vor dem zweiten Weltkrieg wurden zwar weiter wie vorher Promenadekonzerte gegeben und bei Wertungsspielen mitgewirkt, jedoch wurde auch häufig bei ideologisch geprägten Veranstaltungen der NSDAP musiziert. Dieser Erscheinung konnte sich seinerzeit wohl kein Verein im öffentlichen Leben entziehen. Im Laufe des 2. Weltkrieges wurden immer wieder Musiker zum Wehrdienst eingezogen. 1942 wurde die musikalische Tätigkeit eingestellt.

Nach dem Krieg fand im Herbst 1949 eine Gründungsversammlung statt. 1. Vorstand wurde wieder Karl Möck., Dirigent wurde Georg Maier aus Reutlingen. 1952 konnte das dritte Bezirksmusikfest des Bezirkes Neckar-Alb ausgerichtet werden, ein Fest, das als das größte in Pfullingen seit der ‚1000 Jahr Feier 1937′ in die Pfullinger Geschichte einging. Vier Tage wurde gefeiert, am Tag des Kinderfestes (montags) blieben vormittags sogar die Läden geschlossen. Erstmals konnten die Pfullinger auch zwei ausländische Gastkapellen aus Innsbruck-Pradl und Graz-Eggenberg empfangen. Anlässlich des Festes wurden durch die tatkräftige Unterstützung der Stadtverwaltung neue Uniformen angeschafft. Die Gegenbesuche bei diesen beiden Kapellen wurden 1954 und 1955 unternommen. Diese Reisen waren der Anfang einer langen, bis zur Gegenwart andauernden Tradition, nicht nur im nahen Umfeld, sondern auch bis im Ausland musikalische Freundschaften zu beginnen und zu pflegen, sei es aus eigenem Antrieb oder sei es als musikalischer Botschafter der Stadt Pfullingen. In den fünfziger Jahren kam der Jugendausbildung eine immer größere Bedeutung zu. Bereits 1952 spielte eine Jugendgruppe bei der Weihnachtsfeier auf. Die sechziger und siebziger Jahre waren auch die Zeit der großen Zeltfeste des Musikvereins. Mehrfach wurden diese auf dem Festplatz bei den Pfullinger Hallen veranstaltet. Regelmäßig waren Gastkapellen aus Österreich, der Schweiz und Südtirol in Pfullingen zu Gast. Andererseits waren diese Feste auch wichtiger Bestandteil der Vereinsfinanzierung geworden.

1981 richtete der Verein das 25. Verbandsmusikfest aus. Neben einem Wertungsspiel, einem Festzug mit beinahe 50 teilnehmenden Kapellen und Vereinen sowie der Teilnahme bekannter Rundfunk- und Fernsehgrößen am Abschlussabend, fand in Pfullingen ein Treffen zusammen mit den Musikkapellen aus Lackenhof und Steyr (jeweils Österreich) sowie Lommiswil (Schweiz) statt. Im Herbst 1981 konnte das Dirigentenamt mit Winfried Kaldschmidt neu besetzt werden. Mit ihm kam ein Vollblutmusiker nach Pfullingen, der als Posaunist der Württembergischen Philharmonie Reutlingen nicht nur klassische Musik beherrschte, sondern als damaliges Mitglied der Orchester Ernst Mosch und Hubert Wolf auch im volkstümlichen Bereich zu Hause war. Im Laufe der Zeit wurde Blasmusik auf einem hohen Niveau dargeboten. Auf Grund seiner Leistungen wurde Winfried Kaldschmidt 1987 zum Stadtmusikdirektor ernannt. Kaldschmidt widmete sich auch der aufstrebenden Jugendkapelle. Im Jahr 1982 konnte bei einem Jugendkritikspiel in Sondelfingen in der Schwierigkeitsstufe ‚leicht‘ die Note ‚Gut bis Sehr Gut‘ erreicht werden. Zwei Jahre später konnte der Erfolg mit der selben Note, diesmal in der Mittelstufe, wiederholt werden.

Im Sommer 1983 wurde mit dem Bau des Vereinsheimes in der Roßwagstraße begonnen. Nach über 6000 Einsatzstunden der freiwilligen Helfer wurde das Vereinsheim vom 8.-10. November 1985 eingeweiht. Im Jahr 1988 nahm die Stadtkapelle den ersten Tonträger mit dem Titel „Von Marsch zum Musical“ auf. Zum 90-jährigen Jubiläum wurde der zweite Tonträger mit dem Titel ‚Jubiläumsgrüße‘, produziert.

Die späten 80er und die 90er Jahre standen auch im Zeichen von Gastspielen in entfernten Gefilden. So ist die Stadtkapelle eine der Triebfedern für den Erhalt der Städtepartnerschaft zwischen Pfullingen und Passy. Der erste Besuch in Frankreich fand 1982 statt, seither folgten sechs weitere, bei mehreren Gegenbesuchen der französischen Freunde in Pfullingen. 1991 war die Stadtkapelle bei der Hannover Messe beim Baden-Württemberger Tag als musikalischer Botschafter des Landes unterwegs. Im Jahr 1994 konnte ein mehrtägiger Besuch bei der Musikkapelle Mohaćs/Ungarn durchgeführt werden. Zwei Jahre später gab es ein weiteres Treffen in Pfullingen. Beides Mal begeisterte die noch junge ungarische Kapelle das Publikum mit ihrem hohen musikalischen Niveau.

1993 konnte der Musikverein sein 90jähriges Bestehen feiern. Ein mehrtägiges und gelungenes Fest wurde im Schlösslespark abgehalten. Seit 1998 führt Michael Wödl jun. als erster Vorsitzender mit Erfolg die Geschicke des Vereins. 1999 wurden die Baden-Württembergischen Heimattage in Pfullingen gefeiert. Die Stadtkapelle und die Jugendkapelle beteiligten sich mit mehreren Konzerten am Programm. Mit den Heimattagen wurde in Pfullingen auch die Gemeinschaft der musiktreibenden Vereine gegründet. Dieser Gemeinschaft gehören neben den beiden Gesangvereinen Eintracht und Liederkranz, der Trachtenverein, der Schalmeienzug, der Albverein sowie die Stadtkapelle an. Ein gemeinsames Produkt der Gemeinschaft ist das mittlerweile schon zur Tradition gewordene Schlösslesparkfest. Im Jahre 1999 formierte sich innerhalb der Stadtkapelle das Bläserensemble. Dieses spielt, ohne eine feste Besetzung zu haben, bei festlichen Anlässen der Stadt oder des Vereins auf.

Das Jubiläumsjahr 2003 war ein weiteres Highlight in der Geschichte des Vereins. Neben dem Festakt im März wurde ein Jubiläumskonzert unter dem Motto ‚Das Beste aus 100 Jahren’ ein Kinderfest, ein Festzug beim Schlösslesparkfest sowie das Jahresabschlusskonzert durchgeführt. Von ‚Preußens Gloria’ über bekannte Konzertstücke bis hin zum modernen Sound, welcher der Kapelle besonders gut liegt, setzten die Musiker unter Stadtmusikdirektor Winfried Kaldschmidt einen glanzvollen Schlusspunkt unter ein Jahr, das allen noch lange in bester Erinnerung bleiben wird.

2006 erhielt der Verein die Pro-Musica-Plakette für 100-jähriges Bestehen. Das Abschlusskonzert im Dezember stand unter dem Motto „25 Jahre Winfried Kaldschmidt“. Im Rahmen des Abschlusskonzertes 2007 wurde Winfried Kaldschmidt als Dirigent verabschiedet. Am Schluss des Konzertes übergab er den Dirigentenstab an den neuen Dirigenten Alfred Hepp, Trompeter bei der Württembergischen Philharmonie.